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(Bild: L'essentiel/Séverine Goffin)

Sonntag, 17. Oktober 2021 09:00

Dr. Christos Christou

«Ich habe das Gefühl, die Welt fällt auseinander»

LUXEMBURG – Der internationale Präsident von Ärzte ohne Grenzen (MSF), Dr. Christos Christou, war zu Besuch im Großherzogtum. Interview.

«L'essentiel»: Sie haben sich mit Entscheidungsträgern in Luxemburg getroffen. Welche Unterstützung kann das Land Médecins Sans Frontières (MSF) zukommen lassen?

Dr. Christos Christou, internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen: Wir wollen nicht, dass unsere Arbeit kriminalisiert wird, wenn wir Migranten im Mittelmeer oder auf den griechischen Inseln retten, oder dass wir als Helfer von Terroristen angesehen werden, wenn wir Zugang zu Bevölkerungsgruppen suchen, die von bewaffneten Gruppen kontrolliert werden, oder in Konfliktgebieten wie Afghanistan, Libyen und der Sahelzone.

Wurde auch über das Klima gesprochen?

Ja, die gefährdeten Bevölkerungsgruppen zahlen den höchsten Preis für den Klimawandel. Diese Auswirkungen werden von MSF Luxemburg analysiert, das internationale Daten zusammenstellt. Wir wollen die Wirtschaft und die Politik zum Handeln bewegen. Ich freue mich, dass die luxemburgischen Interessengruppen sehr aufgeschlossen waren. Aber wir müssen mehr tun, als nur unsere CO2-Emissionen zu reduzieren.

Haben sich die Krisen im Laufe der Zeit verschlimmert?

Ja, die NGOs sind in einem zunehmend feindlichen Umfeld tätig, in dem es für uns manchmal sehr schwierig ist, medizinische Hilfsgüter und Dienstleistungen vor Ort zu bringen. Wir sind ständig Angriffen ausgesetzt. Vor kurzem haben wir Kollegen im Jemen und im Niger verloren. Letztes Jahr wurde unsere Entbindungsstation in Kabul angegriffen, wobei Schwangere und Säuglinge das Ziel waren. Wenn ich mir jetzt die Welt anschaue, habe ich das Gefühl, sie fällt auseinander. Die Zukunft scheint ungewiss, und die Feindseligkeit gegenüber denjenigen, die anderen helfen wollen, wächst.

«Eine noch nie dagewesene Welle der Solidarität»

Welche Auswirkungen hatte Corona auf Ihre Arbeit?

Die Behörden konzentrierten sich auf das Virus, aber in dieser Zeit verschwanden die Krisen, die Unterernährung, die Malaria nicht. Diese Situationen wurden vernachlässigt und haben sich verschlechtert. Die Pandemie hat gezeigt, wie ungleich die Welt ist, und hat selbst in den reichen Ländern Armut und Ausgrenzung ans Licht gebracht. Wir fanden uns an Orten wieder, von denen wir nie gedacht hätten, dass wir dorthin kommen würden: in New York, um Obdachlosen zu helfen, in Spanien, in Italien.

Sind Ihre Spender weniger großzügig gewesen, weil sie um sich selbst fürchteten?

Nein, im Gegenteil, wir haben eine beispiellose Welle der Solidarität erlebt. Trotz der Auswirkungen von Corona auf die Wirtschaft wollten die Menschen helfen. Wir wünschten, wir könnten dasselbe von den führenden Politikern der Welt sagen. Hier geht es um eine dritte Dosis, während andernorts die Impfungquote bei 2 Prozent der Bevölkerung liegt. Wir müssen diese Mentalität der Wohltätigkeit überwinden und eine echte Zusammenarbeit einführen, indem wir Lizenzen vergeben und Kontinenten wie Afrika erlauben, Forschung und Entwicklung zu betreiben und ihre eigenen Impfstoffe herzustellen. Wir müssen aufhören, uns auf den freien Markt zu verlassen, der sich nur darum kümmert, Geld zu verdienen.

(sg/L'essentiel)

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