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Jedes Kind reagiert anders auf häusliche Gewalt.

Sonntag, 28. November 2021 06:00

Familien in Luxemburg

«Ist es meine Schuld, dass Papa Mama schlägt?»

LUXEMBURG – Zu den Opfern häuslicher Gewalt gehören auch Kinder, die die Schläge zu Hause sehen oder hören. Wie werden sie betreut?

Im Jahr 2020 griff die Polizei in Luxemburg 943 Mal im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt ein. Auch wenn es eine Angelegenheit der Paare ist, stecken die Kinder meist mittendrin. Manchmal sind sie selbst Zielscheibe der Schläge, in jedem Fall aber Kollateralopfer. Im vergangenen Jahr wurden 526 Kinder von der Abteilung Psyea der Association Femmes en détresse betreut, in welcher sich sechs Psychologen und eine Erzieherin um die oft hilflosen Schützlinge kümmern.

«Jedes Kind reagiert anders, je nach Alter, Wahrnehmung und Familienklima. Wir achten darauf, ihre Sicherheit zu wahren und gleichzeitig ihre Sprache zu lösen», erklärt Christophe Cardoso, einer der Psychologen. Sein Team arbeitet mit einer ganzen Bandbreite von Opfern, von Kleinkindern bis hin zu jungen Erwachsenen. «Ist es meine Schuld, dass Papa Mama schlägt? Warum passiert das mit uns?» Die Fragen der Kinder fördern den psychologischen Austausch, der die Grundlage für die Heilung bildet.

. « Dem Kind Lösungen an die Hand geben »
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Im Rahmen der Wegweisung des gewalttätigen Elternteils, einer 14-tägigen Präventivmaßnahme, sind der Partner und die Kinder nun verpflichtet, mindestens einmal zu einem Psychologen zu gehen. Der geschädigte Elternteil kann auch direkt die Dienste des Vereins für seine Kinder in Anspruch nehmen. In anderen Fällen kann auch ein Heim, in dem ein von häuslicher Gewalt betroffener Minderjähriger untergebracht ist, einen Antrag auf psychologische Betreuung stellen. «Wir sind da, um dem Kind Lösungen an die Hand zu geben, damit es sich mit dem Geschehenen auseinandersetzen kann und weiß, wie es reagieren muss, wenn es wieder passiert», erklärt Christophe Cardoso. «Wir helfen ihm auch zu relativieren, wenn das Kind sich verantwortlich fühlt. Wir können ein Kind von einem Gespräch bis zu einem Dutzend, von zwei bis sechs Monaten begleiten. In einigen selteneren Fällen sind wir eineinhalb Jahre lang da».

Im Großherzogtum gibt es kein typisches Familienprofil, das von häuslicher Gewalt betroffen ist. Bei Psyea werden Kinder mit sehr unterschiedlichen Hintergründen aufgenommen, auch wenn man zugeben muss, dass es erschwerende Faktoren gibt, die dazu führen, dass man sich nicht so leicht aus einer gewalttätigen und toxischen Liebesbeziehung befreien kann. «Es gibt auch Kinder, die sehr gut damit umgehen können», so Christophe Cardoso. «Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass sie sehr zerbrechlich sind, wenn sie zu uns kommen. Die ganz Kleinen zum Beispiel sprechen eher als die Älteren». Es kommt immer auf den Einzelfall an.

Auch wenn die Angebote in Luxemburg schon gut funktionieren, gibt es immer Luft nach oben, indem die einzelnen Maßnahmen weiter verstärkt werden und auch die Psychologen weitergebildet werden. Im Hintergrund steht auch die Idee, zu verhindern, dass das Kind als Erwachsener das gleiche Gewaltmuster wiederholt. Ein weiterer umstrittener Punkt ist, dass der gewalttätige Elternteil im Rahmen einer 14-tägigen Ausweisung keinen Kontakt zu seinem Opfer, in diesem Fall seinem Ehepartner, aufnehmen darf, aber seine Kinder weiterhin sehen kann. Es ist schwierig, zwischen physischer und emotionaler Bindung zu unterscheiden. Auch in den Büros von Psyea wird die Frage «Warum ist Papa weggegangen?» oft gestellt.

(nc/L'essentiel)

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