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Montag, 25. Oktober 2021 19:27

Ausnahmezustand im Sudan

Zwei Tote und 80 Verletzte bei Putsch-Protesten

Der zweite Putschversuch innerhalb nur eines Monats im Sudan scheint geglückt. International hagelt es Kritik.

Bei Protesten gegen den Militärputsch im Sudan sind nach Angaben von Medizinern zwei Menschen getötet worden. Sie seien ums Leben gekommen, als Sicherheitskräfte am Montag das Feuer auf Menschenmassen eröffneten, teilte das sudanesische Ärztekomitee mit. Außerdem seien 80 Menschen verletzt worden.

Ein dpa-Reporter vor Ort beobachtete, dass Tausende Demonstranten auf den Straßen Khartums gegen die Übernahme der Regierung durch die Armee demonstrierten. In der Hauptstadt waren Schüsse zu hören; Barrikaden standen in Flammen. Nach Angaben eines Augenzeugen wurde über die Lautsprecher der lokalen Moschee im Wohnviertel Riad zum zivilen Widerstand aufgerufen. Eine nahe gelegene vierspurige Straße sei von Demonstranten mit Steinen und Reifen blockiert worden, sagte der Augenzeuge.

Ausnahmezustand im ganzen Land

Das Militär hatte in einem Staatsstreich die Macht übernommen. General Abdel-Fattah Burhan erklärte wenige Stunden nach der Festnahme von Regierungschef Abdullah Hamduk den Ausnahmezustand und teilte mit, das Übergangskabinett und der regierende Souveränitätsrat seien aufgelöst. Der Gewerkschaftsverband SPA, der 2019 auch die Proteste gegen den daraufhin abgesetzten Langzeitmachthaber Omar al-Baschir angeführt hatte, und die Umma-Partei, die größte Partei des Landes, riefen zu Protesten gegen die Machtergreifung des Militärs auf. In der Hauptstadt Khartum und im benachbarten Omdurman strömten Tausende auf die Straßen.

Der höchste Militärvertreter im Land, General Abdel Fattah al-Burhan, hatte am Montagmorgen die Entmachtung der zivilen Regierungsmitglieder verkündet. Im ganzen Land werde der Ausnahmezustand verhängt, sagte al-Burhan, in Militäruniform gekleidet, während einer Fernsehansprache. Somit scheint in dem Land mit rund 44 Millionen Einwohnern am Horn von Afrika der zweite Putschversuch innerhalb nur eines Monats geglückt. International hagelt es Kritik.

Plötzlich kein Internet mehr

Hinweise auf einen Putsch hatten sich am frühen Montagmorgen verdichtet. Das Internet, das Mobilfunknetz und Teile des Festnetzes waren seit den frühen Morgenstunden nicht mehr zugänglich, meldete die britische Organisation Netblocks, die weltweit Internetsperren dokumentiert. «Im Zusammenhang mit innenpolitischen Unruhen wurden in Khartum weiträumig Brücken- und Straßensperren errichtet, sowohl durch das Militär als auch im Rahmen von Demonstrationen», sagte das Auswärtige Amt in einer Mitteilung.

Der Aufenthalt des Premierministers, Abdullah Hamduk, der seit August 2019 gemeinsam mit al-Burhan an der Spitze der Übergangsregierung stand, ist ungeklärt. Hamduk sei von Angehörigen des Militärs an einen unbekannten Ort verschleppt worden, hieß es in einer Mitteilung auf der offiziellen Facebook-Seite des Informationsministeriums. Demnach habe Hamduk sich geweigert, den Putsch zu unterstützen, und die sudanesische Bevölkerung aufgerufen, «am Frieden festzuhalten und die Straßen zu besetzen, um die Revolution zu verteidigen».

Europa verurteilt den Putschversuch

Mitglieder der Übergangsregierung und mehrere Minister seien ebenfalls festgenommen worden, so das Informationsministerium. Al-Burhan äußerte sich nicht zum Verbleib Hamduks oder der anderen Regierungsmitglieder. Das Militär habe die Zentralen von Radio- und Fernsehsendern in Omdurman nahe der Hauptstadt Khartum gestürmt und dort Mitarbeiter festgenommen, hieß es weiter.

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell sowie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron verlangten die Freilassung Hamduks. Macron schrieb auf Twitter: «Ich spreche der sudanesischen Übergangsregierung unsere Unterstützung aus.» Den Versuch eines Militärputsches verurteile man aufs Schärfste. Auch die USA zeigten sich bereits nach den ersten Berichten über einen Umsturzversuch «zutiefst alarmiert» und drohten mit der Aussetzung von Hilfsgeldern. Ein gewaltsamer Umsturz würde die demokratischen Bestrebungen des sudanesischen Volkes untergraben und sei «vollkommen inakzeptabel», schrieb der US-Sondergesandte für die Region, Jeffrey Feltman, auf Twitter.

(L'essentiel/DPA/kle)

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