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Montag, 22. Februar 2021 09:59

Fragwürdige Methode

Butt-Plugs waren einst Wundermittel der Medizin

Früher war alles besser – das hört man oft. Ob man das im Hinblick auf dieses einst medizinische Instrument sagen würde, hängt wohl von den sexuellen Vorlieben ab.

Wenn es um Medizin geht, können wir von Glück reden, dass wir heute leben. Das nicht nur, weil wir heute dank mehr Kenntnissen und technischem Wissen Krankheiten besser heilen können. Auch einige der früher angewandten Methoden waren aus heutiger Sicht mehr als fragwürdig. So glaubte man noch Mitte des 20. Jahrhunderts, Depressionen mit Eispickel und Hammer bekämpfen zu können. Lobotomie wurde diese Technik genannt.

Nicht immer ging es derart brutal her, oft aber – zumindest aus unserer heutigen Perspektive – äußerst kurios (siehe Bildstrecke). So wurden etwa «Dr. Young’s Ideal Rectal Dilators», die im Jahr 1892 zum Patent angemeldet worden waren, nicht nur für das angepriesen, was der Name versprach – die Erweiterung des Anus zur Behandlung chronischer Verstopfungen – sondern nach und nach für eine Vielzahl von medizinischen Problemen.

«Sie brauchen keine Angst haben, sie zu oft zu nutzen»

Zu den Anwendungsbereichen zählten demnach – unter anderem – fauliger Atem, schlechter Geschmack im Mund, fahle Haut, Akne, Anämie, Abgeschlagenheit, geistige Trägheit, Schlaflosigkeit, Anorexie, Kopfschmerzen, Durchfall, Hämorrhoiden, Blähungen und Verdauungsstörungen. Außerdem sollten sie auch bei Nervosität, Reizbarkeit und kalten Extremitäten Abhilfe schaffen sowie einen erholsamen Schlaf fördern.

Ihr Erfinder Frank E. Young aus dem US-Bundesstaat Ohio soll die rektale Dilatation zudem als Heilmittel für Geisteskrankheit gelobt haben. Konkret behauptete er in einer von ihm selbst herausgegebenen Zeitschrift, dass mindestens «drei Viertel aller heulenden Verrückten der Welt» innerhalb weniger Wochen geheilt werden könnten.

Voraussetzung für all das war natürlich, dass man die Dilatoren regelmäßig anwendet: «Sie brauchen keine Angst haben, sie zu oft zu nutzen», hieß es in der Gebrauchsanleitung. Die seien sogar zur Vorbeugung geeignet. Allerdings sollten die Analstöpsel «von Personen unter 8 Jahren nicht ohne ärztliche Aufsicht verwendet werden.»

Erhältlich waren die Dilatoren in Sets mit vier «Torpedo-artigen Instrumenten» mit einem Durchmesser von 1,2 bis 2,5 Zentimetern und einer Länge von 7,6 bis 10,2 Zentimetern.

Gericht beschloss ihre Vernichtung

Unabhängige Stellen waren von der Glaubwürdigkeit dieser Versprechungen nicht überzeugt. Im Jahr 1940 beschlagnahmte der Staatsanwalt der Vereinigten Staaten für den südlichen Bezirk von New York eine Lieferung der Geräte als «misbranded».

In einem Gerichtsverfahren mit dem denkwürdigen Namen «U.S. v. 67 Sets Dr. Young's Rectal Dilators und 83 Packungen Dr. Young's Piloment» entschied die Food and Drug Administration (FDA), die Zulassungsstelle für Nahrungs- und Arzneimittel in den USA, schließlich, dass die Behauptungen unbelegt und die Dilatoren gesundheitsgefährdend waren, «wenn sie mit der empfohlenen Häufigkeit und Dauer verwendet werden.»

Die FDA ordnete an, die Produkte zu vernichten. Gut angekommen sein dürfte der Entscheid damals nicht. So seien die Leute anfänglich ob der doch ordentlichen Ausmaße der Analstöpsel zwar oft in Panik geraten und hätten gezögert, wie Young laut Iflscience.com einmal verraten hat. Aber die meisten seien rasch so zufrieden gewesen, dass sie die für nur wenige Dollar erstanden Dilatoren nicht für weniger als 100 oder sogar 10’000 Dollar hergegeben hätten.

(L'essentiel/Fee Anabelle Riebeling)

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